after shave

after shave 1, Valérie Wagner, 2011

Grünstreifen trifft Landestreifen.                                          english

In der Fotoarbeit after shave stellt Valérie Wagner einen Bezug zwischen der Rasur von Körperhaaren und der Gestaltung öffentlicher Rasenflächen her.

Bei Aufnahmen von Grünflächen im neuen Hamburger Stadtteil HafenCity fiel der Künstlerin auf, dass die Art der Formgebung Parallelen zur aktuellen Gestaltung von Intim-/Rasuren aufweist.

Es entstand die Idee, Menschen zu fotografieren, die ihre eigenen Körperhaare entfernen bzw. gestalten: Frauen mit Intimrasuren und Männer mit Bartrasuren. Um den Fokus tatsächlich auf die Form der Gestaltung und nicht auf den Menschen und die betreffenden Körperteile zu lenken, hat Valérie Wagner sich für ausschnitthafte Aufnahmen in Schwarzweiß entschieden, während die Aufnahmen im öffentlichen Raum durch die Farbigkeit der wenigen vorhandenen Grünflächen wirken. Beide Seiten setzt sie in der Form eines Diptychons unter formalen Aspekten zueinander in Beziehung.

Öffentliche Plätze werden in den letzten Jahren zunehmend unter rein formalen Gesichtspunkten gestaltet: auf großen Steinflächen werden vereinzelt Bäume angepflanzt und Rasenflächen angelegt, die vom Stein eingefasst sind und sich diesem Element unterordnen. Kultivierung heißt hier: die Natur wird zur Ausnahmeerscheinung und tritt nur als Dekoration in Erscheinung. Kurz getrimmte Rasenflächen in streng gefassten Formen bestimmen das Bild. Wachsen wird kontrolliert, ein potenzieller Wildwuchs schon vor seinem Entstehen verhindert.

Das gleiche Phänomen entdeckt Valérie Wagner im Umgang des Menschen mit seinem eigenen Körper: Haare als Ausdruck von ungezähmter Natur im Sinne einer animalischen Abstammung werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln im Zaum gehalten oder ganz entfernt. Rasuren am Kopf und im Intimbereich sind Ausdruck der Domestizierung des menschlichen Körpers und werden – ähnlich wie öffentliche Grünflächen – aufwendig gestaltet und gepflegt. Die Rasur wird zum Mittel der Kontrolle, aber auch zu einem Symbol für die Beherrschung der eigenen Natur, des inneren Säugetiers. Gleichzeitig entwickelt sich insbesondere die Intimrasur zu einem Dogma und Statussymbol im Sinne einer gesellschaftlichen Gruppenzugehörigkeit.